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Schweiz News – Neutour am Eiger


"Griff ins Licht" V 5M 7c, 2145 m
erste Begehung vom 12.-16. September 2002 durch Peter Keller und Urs Odermatt


Juni 2002
Resigniert sitzen wir in unserem Portaledge und beobachten die Lawinen, die im 3-Minuten Takt keine 10 Meter von uns entfernt niederdonnern. Neben uns liegen Hühnchen in Curryrahm und Zigeunertopf , gefriergetrocknet und gesponsert von Reiter. Doch zum kochen sind wir zu erschöpft, essen Schokoriegel und trinken Tee.
Das Inferno erreicht um 16.00 Uhr seinen Höhepunkt. Schweigend warten wir die Nacht ab, bis wir am frühen Morgen zum Rückzug blasen. Die Wand ist wieder still, bis die Sonne den Schnee wieder erwärmt hat. Uns bleiben noch 6 Stunden für den Abstieg. Zusammen mit unseren 2 Haulbags, gefüllt mit 150 kg Material, seilen wir uns zum Wandfuß ab. Bekannte von uns spotten und lachen uns aus. Schliesslich weiss ja jeder, dass um diese Jahreszeit nichts zu machen ist. Doch die Kinder lachen im Wald wenn sie ihre Angst überspielen wollen. Wir geben uns so schnell nicht geschlagen.

September 2002
Endlich ein Schönwetterfenster. Ungeduldig stehen wir am Einstieg des Pfeilers (etwa 150 m rechts des Schottenpfeilers). Aufgrund unserer Erfahrungen im Juni wissen wir genau wo die Route durchführen muss. Das Material wurde nochmals durchsortiert und erleichert. So kommen wir gut voran und erreichen nach 2 Tagen das große Schneefeld, auf dem die Polen 1968 durch die Wand querten. Schwierigkeiten bis 7b in unbeschreiblich brüchigem Fels liegen hinter uns. 10 Meter Überhang auf zwei Seillängen, der Rest im Bereich 4-6b. Vorbau gibt es hier keinen. Trotz bestem Wetterbericht erwischt uns ein heftiges Gewitter mit starken Niederschlägen. Erneuter Rückzug.




Fotos: Klaus Fengler
Der Plan, eine neue Route in Freikletterei im Alpinstil durch die riesige, völlig unberührte Wandzone zwischen Schottenpfeiler und Jugoslawenroute zu legen, gerät ins Wanken. Zu lange verfolgt mich dieses Projekt nun schon. Letztes Jahr verschoben wegen eines Beinbruchs, nachdem mich ein Gast auf einem Schneefeld mitgerissen hatte, anschliessend abgeblasen wegen einer zersplitterten Kniescheibe weil sich in der Kletterhalle ein Griff gelöst hatte. Nur Peter bleibt voller Optimismus, stellt einen endgültigen Abbruch ausser Frage.
Doch das Wetter im Sommer 2002 zeigt sich von seiner schlechtesten Seite. Schnee bis auf 1800 m, aber dann, Mitte September, ein vielversprechendes Hochdruckgebiet mit Bise.

Um Zeit zu sparen erreichen wir das Schneefeld der 14.Länge von der Station Eigerwand aus. Doch der Schnee der letzten Woche hat sich noch nicht verfestigt. Ständig prasseln Schnee und Eislawinen auf das Schneefeld. Ein Eisbrocken erwischt mich während dem Materialtransport. Meine Oberlippe gleicht einem aufgeblasenen Airbag, Essen wird in den nächsten Tagen zu einer mühsamen Notwendigkeit. Wir beschliessen, unseren Biwakplatz ins Stollenloch zu verlegen. Ausserdem rüsten wir den 2., auf 200 m konstant überhängenden Felsriegel mit einem Fixseil aus. So sind wir außer im Zu- und Abstieg zum Biwakplatz vor den Lawinen geschützt. Bis wir dann durch den Felsriegel durch sind, sollte sich der Schnee gesetzt haben. Von dort aus wollen wir im Alpinstil weiterklettern.
Doch dieser zweite Pfeiler erweist sich als harte Nuss. Nur dort, wo er am meisten überhängt ist es objektiv sicher und der Fels trocken. Der Preis dafür, anhaltend schwierige Kletterei, die uns nur langsam an Höhe gewinnen lässt. Obwohl ich noch ernsthafte Zweifel daran habe, ob sich das Ganze überhaupt freiklettern lässt ist Peter nicht zu bremsen. Wir haben eine klare Aufgabenteilung. Er führt im Fels, ich im Eis und Mixedgelände. Im Nachhinein hat sich dieser Pfeiler als einzige vertretbare Linie erwiesen. Ausserdem war der Fels herrlich fest und die Kletterei mit den schönsten Routen an den Wendenstöcken zu vergleichen. Natürlich ist es sehr schwierig, eine Route während dem Bohren zu bewerten. Wir schätzen jedoch, dass die zwei Schlüsselseillängen im Bereich 7c liegen. Wenn man bedenkt, dass nun noch 900 m Mixedkletterei vor uns liegen, kann man wohl schon jetzt sagen, dass es sich um eine der anpruchsvollsten kombinierten Nordwandrouten überhaupt handelt. Da wir jedoch sehr am Leben hängen, bohrten wir den Felsteil komplett ein. Ein Satz Friends genügt zur weiteren Absicherung völlig. Trotzdem sind viele der schwierigen Stellen zwingend zu klettern. 3 Tage benötigen wir für diese 200 m. Dann gibt mir ein vor Freude strahlender Peter zu verstehen, dass ab jetzt Steigeisen und Pickel angesagt sind. Grosszügig bohrt er mir noch drei Bolts, damit ich in schöner Drytooling Kletterei den markanten Eisschlauch erreichen kann. Auf den nächsten 7 Längen werden wir mit besten Eisverhältnissen verwöhnt. Erinnerungen an das Supercouloir werden wach. Auch hier bohren wir die Standplätze ein um uns den Rückzug frei zu halten. Erst ab Seillänge 24 setzen wir alles auf eine Karte. Nur mit dem nötigsten Material ausgerüstet, stechen wir in See, ständig in der Hoffnung, möglichst bald Land, beziehungsweise den Gipfelgrat zu erreichen. Doch davon sind wir momentan noch weit entfernt. Wühlend finde ich mich im 70 Grad steilen Pulverschnee wieder. Ich suche Möglichkeiten für einen Standplatz, finde aber oft weder Fels noch stabiles Eis. Überall nur Firn und Pulverschnee. Je einfacher die Wand nach oben hin wird, um so schlechter kommt dafür die Absicherung. Standplätze an nur zwei Eisgeräten mögen wir beide nicht, nachdem wir schon vor 2 Jahren am Graustock bei einem Standausbruch großes Glück hatten. Also nichts wie raus hier. Doch die Wand ist lang, 1800 Höhenmeter um genau zu sein.
Am Abend des 4. Tages erreichen wir schließlich den Grat. Riesige Wächten versperren den Weg zum Gipfel. Gleichzeitig geht die Sonne langsam unter. Einen so herrlichen Sonnenuntergang haben wir beide noch nie erlebt, doch zum Fotografieren haben wir keine Energie mehr. Müde richten wir unser Biwak ein - sichern uns an unserem letzten Haken. Romantik pur, doch leider ist Peter ein Mann, also legen wir uns schlafen, in der Hoffnung, am nächsten Morgen einen Weg zum Gipfel zu finden.
Mit leichter Verspätung erwachen wir gegen 9.00Uhr. Erst als die Sonne unsere steifen Glieder aufgewärmt hatte, verlassen wir den Schlafplatz. Frühstück gibt es keines, es bleibt uns nur ein Müesliriegel pro Person. Schon eine Stunde später wird unser Traum war. Nachdem in der kalten Nacht der Schnee auf der Südseite gut durchgefroren war, können wir die Wächten umgehen und erreichen endlich den Gipfel.
Ein Traum wurde wahr, doch wo bleibt das Glücksgefühl?
Wir sind beide völlig leer, nur noch froh, dass es endlich vorbei ist.
Keine Materialtransporte mehr, keine Lawinen und auch keine zermürbenden Autofahrten nach Grindelwald. Mit letzter Kraft torkeln wir die Westflanke hinunter, denken an Philip Steulet, der hier im März mit einem Gast tödlich verunglückte, nachdem er die Heckmaierroute durchstiegen hatte. Wir sind auf der Hut, setzen alles daran jetzt keinen Fehler mehr zu machen.
Nach unendlich langen sechs Stunden erreichen wir die Station Eigergletscher wo wir von den Angestellten der Jungfraubahn herzlich empfangen werden.

Urs Odermatt, Oktober 2002




Materialliste – oder was alles mit mußte

Teammaterial
1 Gaskocher
1 Thermosflasche
1 60m -Seil, 10,5mm
1 200m-Seil, 8mm
1 60m-Seil, 8mm
1 Akku-Bohrmaschine
4 Akkus
4 Bohrer
150 Bohrhaken
5 Felshaken
1 kompletter Satz Klemmkeile
1 kompletter Satz Friends
8 Expressschlingen
4 Bandschlingen
10 Schraubkarabiner
5 Eisschrauben
2 Firnanker
1 A5 Haulbag (Materialsack)
1 Sonnencreme
1 Fotoapparat
2 Diafilme
1 Videokamera
1 Hammer
1 Schraubenschlüssel
1 Mobiltelefon
1 Magnesiabeutel
2 Cliffhanger

Persönliche Ausrüstung
1 Paar Steigeisen
1 Paar Bergschuhe
1 Paar Kletterschuhe
2 Eispickel
1 Klettergurt
1 Zahnbürste (abgesägt)
1 Löffel
1 Faserpelzhose
1 Gore-Tex Kombianzug
1 Funktions T-Shirt
1 Funktions Pullover
1 Faserpelzjacke
2 Paar Socken
2 Paar Handschuhe
1 Sonnenbrille
1 Mütze
1 Steinschlaghelm
1 Schlafsack
1 Rucksack
2 Jümar Steigklemmen
1 Abseilbremse
1 LED-Stirnlampe
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