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Nothing compares to you - Lofoten Lofoten - Abrahams tind


Lofoten 2009 – Geschichte einer Erstbegehung
Nothing compares to you
(V 6+M, 420m, Patrick Röthlin, Urs Odermatt, 12.03.2009)
Text: Urs Odermatt (März 2009)

„Hier oben gibt es mehr Eis als in Europa und Kanada zusammen.“
Mutige Worte von Marius Morstad, der aus allen Mitgliedsländern der UIAA 2 Alpinisten auf die Lofoten zu einem internationalen Meeting einlädt.

„We promise daily fresh fish“. Wir versprechen täglich frischen Fisch - ok, überredet. Zusammen mit Patrick Röthlin landen wir in Narvik und treffen das französische und tschechische Team. Im komplett überladenen Auto rast Andreas Klarström, ein junger, norwegischer Spitzeneiskletterer durch die Nacht; Schneeverwehungen und Blankeispassagen eiskalt ignorierend. Seine Laune ist schlecht. Erst 2 Wochen zuvor eröffneten ausländische Kletterer eine der ganz grossen Linien in Norwegen - und bohrten in den Schlüssellängen einige Bohrhaken. Ein Tabu hier in Norwegen. Das bleibt dann auch das Thema der ganzen Woche.Die Organisatoren möchten die Lofoten für den Winteralpinismus erschliessen, dabei aber unbedingt den Abenteuercharakter beibehalten. Die Norweger scheinen sich einig zu sein: Zumindest im alpinen Gelände wollen sie keine Bohrhaken.

Kein Problem für uns. Wir wollen ja ohnehin steile, kompakte Wasserfälle klettern. Und das ist das Problem auf den Lofoten. „Rock is Rock and Ice is Ice“. Dieser Spruch von Marius zeigte uns, dass die Kletterer hier ganz andere Vorstellungen von Eisklettern haben als wir. Stark von den Schotten und ihrem Wetter beeinflusst, spielt sich das Eisklettern hier an vereisten Felsrouten und verschneiten Mooswänden ab. Torf nennen sie diese gefrorenen Grasbüschel und bekommen ganz glänzende Äuglein wenn sie davon erzählen. Nur gefrorene Wasserfälle gibt es kaum. Unsere Begeisterung hält sich sehr stark in Grenzen. Einen Tag wollen wir investieren um uns ein Bild vom Potenzial zu machen. Schon eine halbe Stunde Autofahrt von Kalle, unserem Dorf, steht sie da. Eine kompakte, perfekt geformte, fast 400m hohe Felspyramide. Vom Gipfel zieht, wie mit dem Messer geschnitten, eine hauchdünne Eislinie direkt durch die ganze Wand und verliert sich ca. 50m über den Wandfuss in kompaktem Granit. Eine solche Linie gibt es gar nicht. Darf es nicht geben. Sie ist unvergleichlich. Wir entschliessen uns nicht zu zögern, wollen schon am nächsten Tag angreifen.

Lofoten


Als Bergführer sind wir an frühes Aufstehen gewöhnt. Also brauchen wir das nicht auch noch im Urlaub. Und auch wenn das russische Team in unserem Zimmer bereits um halb 6 Uhr einen Riesenkrach veranstaltet, vor 7 Uhr kriegt uns niemand aus dem Bett. Pünktlich um 9 Uhr stehen wir zum Aufbruch bereit. Mit schwerem Rucksack und Schneeschuhen an den Füssen versuchen wir den Zustieg über den gefrorenen Fjord etwas abzukürzen. Ausgerechnet Patrick, der beim Skifahren jede Kurve als ein Zeichen von Feigheit auslegt, entpuppt sich auf dem Packeis als Angsthase und wird schon beim Gedanken an nasse Füsse fast panisch. So marschieren wir halt um das ganze Gewässer herum und erreichen erst nach fast 2,5 Stunden den Wandfuss. Die Linie ist klar, durch eine senkrechte, moosgefüllte Verschneidung direkt zum Eisschlauch, dem Traum aller Eiskletterer. 4 Stunden später trennen uns nur noch etwa 20 Meter von diesem Klettertraum. Das tönt zwar gut, bedeutet aber, dass wir erst gerade mal gut 30 Meter geklettert sind. Da in dieser Verschneidung kaum die Gefahr nasser Füsse besteht, zeigt sich Patrick von seiner mutigsten Seite. Furchtlos kratzt er das bisschen Eis aus dem Riss, stopft Friends hinein, schlägt wacklige Haken und steht eine Stunde später gerade mal knapp 2 Meter über dem Stand. Keine Chance. Entweder sind wir zu feige oder zu schwach.

Am nächsten Morgen sind wir wieder bereit. Die Zustiegszeit auf 1,5 Stunden verkürzt, stehen wir dampfend am Einstieg. Dieses Mal versuchen wir ein Risssystem weiter rechts. Eine solche Linie gibt man nicht auf bevor man nicht restlos alles probiert hat. 6 Stunden lang schinden und fürchten wir uns. Sprechen einander Mut zu und klopfen Sprüche wenn es mal rund läuft. Ein perfekter, 10 Meter langer Handriss hilft uns durch die Schlüsselstelle. Dumm nur, dass der einzige passende Friend am Stand steckt. Langes Leiden, kurze Worte: Patrick hat's gerichtet. Mir bleibt das Vergnügen die verbleibenden 40 Meter senkrechte Mooswand zu führen. Gott sei Dank ist es bald Zeit fürs Nachtessen und wir seilen ab. Morgen ist auch noch ein Tag.

Zurück in der Unterkunft tauschen wir unsere Infos mit den anderen Teams. Wieder kommt das Thema Bohrhaken. Ich selber habe bestimmt schon mehr Bohrhaken gesetzt als einige der Jungs hier in ihrem ganzen Leben einhängen werden und ich bin auch ein überzeugter Bohrhaken Befürworter nachdem ich schon ganz böse Erfahrungen machte. Trotzdem können wir uns der Faszination nicht entziehen, hier nur mit mobilen Sicherungsmitteln zu arbeiten. Zu einfach wäre es gewesen, keine Unsicherheit. Wir hatten beschlossen dass wir diese Traumlinie entweder direkt und sauber klettern oder für andere lassen.

Lofoten – Urs Odermatt


Tag 3. Entgegen des Wetterberichtes hat es geschneit in der Nacht. Die Aussichten werden immer schlechter. Zeit für den letzten Schlag. 2 Dampfwolken bewegen sich in Rekordtempo zum Einstieg. Jeder Handgriff sitzt, die Schneeschuhe und Steigeisen bereits an der richtigen Stelle deponiert, die Spur vorbereitet, erreichen wir schon um halb Elf Uhr unseren Umkehrpunkt und werden gleich mal von einer Spindriftwolke begrüsst die sich gewaschen hat.
Die nächsten 7 Stunden schweben wir im Kletterhimmel. Überhängende Torfpassagen, eisgefüllte Verschneidungen; die Kletterei übertrifft alle Erwartungen. Und als am Mittag auch noch die Sonne zwischen den Wolken in die Wand scheint, ist unser Glück perfekt. Über 400m klettern wir, in der ganzen Wand findet sich kaum ein Absatz, keine leichten Passagen. Anhaltend senkrechtes, teilweise sogar überhängendes Eis. Keine 5 Minuten vor dem Eindunkeln erreichen wir den Gipfel des Abraham Tinds. Obwohl von der Strasse gut sichtbar war er bis anhin unbestiegen. Ein einheimischer Fischer kann kaum glauben, dass es möglich ist auf so einen Berg zu klettern. Und auch wir können es kaum glauben dass wir es gepackt haben. Die Aussicht ist überwältigend. Sicht aufs offene Meer. Bei allen stolzen 4000ern der Alpen. Auch ein 900 Meter hoher Gipfel kann faszinierend sein. Und wenn wir ans nächtliche Abseilen denken, dann ist die Sache noch nicht gegessen.



2 Tage später: Bei Kaffe, Tee, Saft, Porridge, Lachs und so weiter zelebrieren wir unser Frühstück. Die Tschechen wiederholen gerade unsere Linie. Selber sind wir hin und her gerissen ob wir noch einen weiteren Tag im Bacalao Kaffee verbringen sollen oder ob wir uns noch eines der unzähligen kürzeren Gullys direkt an der Strasse reinziehen sollen. Da hat Marius kaum übertrieben. Entlang der Küsten Nordnorwegens gibt es noch Potenzial für Millionen von Neutouren.

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